Auszug aus: Chronik Freie Hansestadt Bremen 1955
Als am 1. August 1947 die Firma Nordwestdeutscher Frachtverkehr
B. Dettmer & Co., Bremen, ihre Tätigkeit aufnahm, durchlebte man eigentlich
alles andere als Gründerjahre. Die deutsche Wirtschaft befand sich noch
in der tiefsten Depression der Nachkriegszeit, und insbesondere der Seehafenverkehr
zeigte einen erschreckenden Tiefstand. Diese Seehäfen sind immer der große
Arbeitgeber der Weserschifffahrt gewesen und würden es, wie man auch nach
einem verlorenem Kriege erkennen musste, auch in Zukunft sein. Niemand aber
konnte voraussehen, wie und vor allem wann sich ein internationaler Handel mit
Deutschlands Beteiligung wieder entwickeln würde. Die junge Firma wusste
also nicht, ob sich ihr so bald überhaupt ein lohnendes Arbeitsfeld eröffnete.

M.S. "Gelsenkirchen"
auf dem Küstenkanal mit einer Ladung Kohle
für die Bremer Woll-Kämmerei, Bremen-Blumenthal
Es war deshalb eine wagemutige Tat, als sich Bernhard Dettmer
entschloss, seine bisherige Tätigkeit in einer alten und angesehenen Firma
in Bremen, die in ihrer Betätigung der Binnenschifffahrt und Seehafenverkehr
in gleicher Weise nahe stand, aufzugeben und sich mit seinem Bruder Wilhelm
Dettmer selbstständig zu machen. Hinter diesem Entschluss stand aber zugleich
ein gesundes Selbstvertrauen auf die sorgfältige Ausbildung in allen Angelegenheiten
der Binnenschifffahrt und eine nüchterne Überlegung über das,
was im Augenblick möglich war. Die beiden Inhaber begannen ihre Tätigkeit
mit der Befrachtung von Schiffseignern (so genannten Privatschiffern) in der
an der Weser häufigen und eigenartigen Betriebsform. Der Schiffer stellt
sein Fahrzeug, seine Mannschaft und seine persönlichen Dienste zur Verfügung
und überlässt die geschäftliche Abwicklung des Frachtvertrages
und die Ladungswerbung dem Unternehmer, dem man sich auf kürzere oder meistens
sehr lange Zeit, häufig auf Jahrzehnte, anschließt. Für eine
neu gegründete Firma bedeutet schon das ein gewisses Risiko, denn es gehört
ein hohes Maß von gegenseitigem Vertrauen dazu, in dieser Betriebsform
auf die Dauer zu arbeiten. Die Firma genoss sehr bald offensichtlich dieses
Vertrauen. Zahlreiche Privatschiffer stießen zu ihr, und es wurde der
Beweis erbracht, dass im Bereiche der Weserschifffahrt noch viel Neuland zu
gewinnen ist.
Nach Überwindung der Anlaufzeit brach sehr bald das ureigene Streben eines
Bremer Reeders durch, das Beförderungsgeschäft auch mit eigenem Schiffsraum
durchzuführen. Der Aufbau einer Flotte war deshalb in den folgenden Jahren
die beherrschende Idee des Unternehmens. Gewiss bot sich die Möglichkeit,
dafür steuerbegünstigte Gelder ebenso wie die Seeschifffahrt in Anspruch
zu nehmen; aber es fehlte doch die am Rhein so reichlich vorhandene Hilfe, die
auf diesem Gebiete ein Konzern seinen in der Binnenschifffahrt tätigen
Tochterunternehmungen zuteil werden lassen kann. Es kam also wieder darauf an,
Vertrauen zu gewinnen, und zwar Vertrauen, welches naturgemäß nur
auf die Person abgestellt sein konnte. Auch diese Bewährungsprobe wurde
bestanden. Unter der rot-weißen Flagge mit dem schwarzen D fahren heute
12 auf das vollkommenste ausgestattete eigene Motorschiffe; 3 weitere Motorschiffe
befinden sich zur Zeit im Bau. Zusammen mit angeschlossenen Fahrzeugen der Privatschiffer
verfügt die Firma über rd. 45 000 tons Laderaum. Sie hat damit im
Jahre 1954 eine Transportleistung von etwa 740 000 tons vollbracht.

M.S. "Jaguar"
auf dem Küstenkanal mit einem Spezial-Transport
Kesselanlage, Bremen-Rotterdam
Bernhard Dettmer hat damit eine für die Seehäfen der Weser und für die Binnenschifffahrt der Weser hochwillkommene Stärkung gebracht, die das Ergebnis von Fleiß und Geschicklichkeit ist. Der Schifffahrtsverband für das Wesergebiet e. V., Bremen, berief deshalb Bernhard Dettmer in den Vorstand, und der Vorstand übertrug ihm 1954 zugleich die Aufgabe, die Tätigkeit der Transportzentrale Binnenschifffahrt Bremen, die in enger Verbindung mit dem Schifffahrtsverband arbeitet, leitend zu überwachen. Die Standardgüter im Beförderungsplan des Unternehmens sind Getreide im Abtransport von den Seehäfen landeinwärts und Kohle aus dem Ruhrgebiet nach fast allen Richtungen, insbesondere in den Wirtschaftsraum Unterweser. Daneben sind eine Reihe neuer, bisher von der Weserschifffahrt nicht gefahrener Verkehre aufgebaut worden. Diese Erfolge sind ein Ergebnis aufmerksamen Kundendienstes, der in den feinnervigen Seehäfen eine besondere Rolle spielt. Wichtig ist dafür nicht zuletzt auch die schnelle Motorschiffsflotte mit Fahrzeugen mittlerer Größe, unentbehrlich ferner eine große Wendigkeit in der Disposition. Auch in diesem Unternehmen hat es sich bewahrheitet, dass die Weserschifffahrt mit dem Einstellen auf die Belange der Seehäfen steht und fällt.
Die Häufigkeiten der Schiffsabfahrten des Nordwestdeutschen Frachtverkehrs nähert sich dem Ziel des Binnenschiffs-Linienverkehrs, der in der Zukunft wahrscheinlich die notwendige Ergänzung zu dem Seeschiffs-Linienverkehr sein muss, und der vornehmlich die erforderliche Verkehrsdichte zum Ruhr- und Rheingebiet herstellt. Es war deshalb eine natürliche Folge der Entwicklung, dass die Firma in den letzten Jahren sich im Interesse der Disposition Relaisstationen durch Errichtung von Niederlassungen in Duisburg, Emden und Mannheim geschaffen hat.
Für Bremen und die Weserschifffahrt ist dieser
Kräftezuwachs auch deshalb willkommen, weil sich durch den Ausbau der Wasserstrassen,
des Küstenkanals und vor allem durch die Kanalisierung der Mittelweser
eine große Entwicklung im Zu- und Ablauf der Seehäfen anbahnt.